Reinaldo Coddou H./Initiative Chefsache

Chefsache Konferenz Dual Career: Wie Paare gleichberechtigt Karriere machen können

Die Mosaik-Halle von Siemens in Berlin, Schauplatz der diesjährigen Chefsache-Konferenz zum Thema „Dual Career – Erfolg gemeinsam gestalten“, gab den Teilnehmerinnen und Teilnehmern Anlass für zahlreiche Parallelen: Unternehmen mit gewachsenen Strukturen müssen schauen, dass sie den Anforderungen der heutigen Zeit gerecht werden. Und gleichzeitig sind viele Mosaik-Steine notwendig, damit Männer und Frauen gleichberechtigt Karriere machen können.

„Wir brauchen Frauen und Männer gleichermaßen im Job. Denn Menschen, die gleich gut ausgebildet sind, sollten auch gleich gut arbeiten und Karriere machen können“, sagt Janina Kugel, Arbeitsdirektorin und Vorstand der Siemens AG, bei ihrer Begrüßung der knapp 400 Gäste, die sich am 21. Mai 2019 in der Siemens Mosaik-Halle in Berlin versammelt haben. Einen ähnlichen Tenor lässt auch Dr. Ursula von der Leyen, Bundesministerin der Verteidigung durchklingen, die die Keynote hält. „Beim Thema „Dual Career“ geht es auch um die Frage, in welcher Gesellschaft wir leben wollen“, so von der Leyen. In einer sehr persönlichen Rede berichtet von der Leyen, was für sie in ihrem Berufsleben ausschlaggebend gewesen sei: „Dass ich heute hier stehe, habe ich dem Chef der Klinik zu verdanken, bei der ich damals gearbeitet habe. Er hat mir ermöglicht, trotz Kind Karriere zu machen.“ Gleichzeitig appelliert sie an die Verantwortung der Führungskräfte: Wandel beginne im Kopf und muss von ganz oben unterstützt werden, Gleichstellung sei Chefsache.

Der Unternehmer Sven Hagströmer, Gründer der Allbright-Stiftung, setzt sich seit Jahren für Geschlechtergerechtigkeit ein und berichtet aus seiner Heimat Schweden, in der Dual Career längst Standard sei. Es sei mittlerweile „sogar peinlich, wenn nicht jeder gut ausgebildete Vater mindestens sechs Monate Elternzeit“ nehme. Grund: „Weil sie loyalere, effektivere und
zusammenarbeitsorientiertere Mitarbeiter bekommen“, so Hagströmer.

Jobbeschreibung für den komplexesten Job der Welt

Wenn Frauen und Männer Kinder bekommen, wird bei vielen die Art, sein Leben zu organisieren, auf die Probe gestellt. Provokant fragt die New-York-Times-Bestseller-Autorin und Organisationsberaterin Julie Morgenstern: „Würden Sie einen Job annehmen, für den es keine Jobbeschreibung gibt? Elternschaft ist der wichtigste, der nobelste, aber gleichzeitig auch der komplexeste Job der Welt.“ Den Versuch einer solchen Job Description und Ergebnisse ihrer Recherchen zu dem Thema hat sie in ihrem aktuellen Buch „Time to parent“ veröffentlicht. Auf der Konferenz teilt sie Lösungsmöglichkeiten, Berufliches, Persönliches und Kindererziehung besser unter einen Hut zu bekommen.

Doppelkarrieren? Von diesem Konzept ist Prof. Dr. Jutta Allmendinger wenig überzeugt. Aus ihrer Sicht will die junge Generation das doppelte Vollzeitmodell nicht mehr, vielmehr propagiert sie das Konzept von „Doppelter Teilzeit für Paare“. Gehobene Teilzeit von Männern und Frauen würde mehr Zeit für Kinder und gesellschaftliches Engagement bedeuten. Umdenken müssen dafür vor allem die Unternehmen. Gleichzeitig wünscht sie sich mehr Männer in Frauenberufen, damit die Reputation dieser Jobs steige und somit auch die Gehälter. Für viel Resonanz in den Social Media sorgte ihre Aussage, dass es Quatsch sei, Gleichstellung zu fordern, weil Frauen anders seien, „wir brauchen Gleichstellung, weil Frauen gleich gut sind“.

Karrieren für Paare mit Kindern in Deutschland problematisch

Dr. Cornelius Baur, Deutschland-Chef von McKinsey und Chefsache-Mitglied, stellt die zentralen Ergebnisse des diesjährigen Chefsache-Reports vor. Fast zwei Drittel der Befragten mit Kindern (63 Prozent) empfinden es als schwierig oder sehr schwierig, dass beide Partner ihre Berufswünsche verwirklichen können. Für Paare ohne Kinder ist das offenbar unproblematisch: Nur neun Prozent der Kinderlosen schätzen ihre Doppelkarrieren als schwierig ein. Baur appelliert, dass es nicht sein könne, dass Frauen nur 22 Prozent zum Familieneinkommen beitragen. „Wir brauchen mehr gesellschaftliche Anerkennung für das Doppelverdiener-Modell“ fordert er. Den Report gibt es hier im Download.

Nach dem Networking-Lunch startet das Programm auf der Bühne mit einem emotionalen Highlight. Magdalena Rogl von Microsoft liest einen Whatsapp-Nachrichtenverlauf mit ihrem Mann vor, der die innere Zerrissenheit berufstätiger Führungskräfte auf den Punkt bringt: alles sei zu viel, Arbeit, Kids,  Reisen, wenig Schlaf. Ihr Mann ist es, der sie daran erinnert, dass Vereinbarkeit von Beruf und Familie nicht nur ihr eigenes Thema sei, sondern das gemeinsame von ihnen als Paar und Eltern. „Geschlechtergerechtigkeit fängt an bei einer Beziehung auf Augenhöhe“, so Rogl.

Ähnlich sieht es auch Dame Vivian Hunt, die das britische Büro von McKinsey leitet. Wer eine Karriere verfolgt, benötige einen Partner, der deinen Erfolg genauso oder noch mehr möchte wie du selbst. Zudem würden alle Daten dafürsprechen, Geschlechterdiversität endlich zu verfolgen: Wenn es um Unternehmenserfolg gehe, zahlen Männer mittlerweile einen hohen Preis, wenn sie nur unter sich bleiben wollen.

Unconscious Bias und Künstliche Intelligenz

Mehrfach-Aufsichtsrätin und KI-Expertin Anastassia Lauterbach fordert vor dem Hintergrund der
Chancengerechtigkeit eine überfällige Auseinandersetzung mit Themen wie künstlicher Intelligenz.
„Die Abwesenheit von Frauen in der KI stellt eine düstere Prognose dar, argumentiert sie. Das
Zeitfenster, in dem Unconscious Bias aus den Systemen herausbringen könnten, sei nur kurz, in zehn Jahren sei dies unmöglich. Unbewusste Denkmuster würden so weiter etabliert werden. Nach den interaktiven Breakout-Sessions in den oberen Räumen interviewt Isa Sonnenfeld, Google-Managerin und RoleModel-Podcasterin, Gruner&Jahr-CEO Julia Jäkel auf Bühne. Aus ihrer Sicht sei es peinlich, dass Unternehmen in Deutschland noch eine Zielgröße von Null für den Frauenanteil in Vorständen geben. Das müsse man an den Pranger stellen. Zu ihrer eigenen Rolle als Führungskraft sagte sie, dass sie sich weniger als Vorbild sehe, aber verantwortlich, den Frauenanteil in Führungspositionen auch im eigenen Haus zu erhöhen. Man müsse den „Mut-Muskel“ trainieren und aus Misserfolgen lernen – dann funktioniere auch das Umdenken im Unternehmen.

Dual Career-Modelle in der Praxis

Bei der Podiumsdiskussion „5 Unternehmen, 5 Persönlichkeiten, 5 Perspektiven diskutierten Unternehmensvertreter wie Petra Berecová (Deutsche Telekom), Dr. Rainer Esser (Die Zeit), Norbert Janzen (IBM), Hauke Stars (Deutsche Börse), Dr. Anike von Gagern gemeinsam mit Moderatorin Lisa Ortgies Dual-Career-Modelle. Vorbilder seien das beste Mittel, um unbewusste Vorurteile ins Wanken zu bringen, konstatiert Rainer Esser. „Ich dachte, dass Deutschland ein modernes Land ist und war überrascht, wie schlecht die Rahmenbedingungen für Dual Career hier sind – was die Kinderbetreuung, aber auch die steuerlichen Anreize angeht, argumentierte Petra Berecová.

In der Abschlussdiskussion von Moderator Manuel Hartung mit den EditionF-Gründerinnen Nora-Vanessa Wohlert und Susann Hoffmann geht es um die Frage, warum Chancengerechtigkeit in Deutschland immer noch nicht Realität sei. „Ich glaube, dass es den meisten Unternehmen noch nicht weh genug tut“, sagt Wohlert. In Sachen Unternehmenskultur müsse sich noch einiges tun, ergänzte Hoffmann. Und das sei auch Chef- und Chefinnensache.

Download der Präsentationen

Hier haben Sie die Möglichkeit, die Vorträge von Dr. Anastassia Lauterbach (internationale Aufsichtsrätin), Cornelius Baur (Deutschland-Chef von McKinsey), Sven Hagströmer (Gründer der Allbright-Stiftung) und Dame Vivian Hunt (Leiterin des britischen McKinsey-Büros) herunterzuladen.

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